Katzengedichte

Das Wunder von Ground Zero

John Giotti steht zum ersten Mal vor dem Gebirge aus Schutt und Beton, das einmal das World Trade Center war. Es ist auch der Trümmerhaufen seines Lebens. Irgendwo da unten war sein Restaurant. Giotti stochert im Planquadrat 47 eines Planes, den er sich von einem befreundeten Cop ausgeliehen hat. Er ist auf der Suche. Wonach? Er weiß es selbst nicht genau. Vielleicht findet er irgend etwas aus seinem Lokal, das einmal im Planquadrat 47 gestanden hat. Vielleicht findet er irgendetwas, das nicht zerstört wurde – ein Bild, seinen Footballpokal, ein Essbesteck. Irgendetwas, das er mit nach Hause nehmen kann, um zu begreifen, das dies hier alles wirklich passiert ist.
Dann ist da plötzlich ein leises Geräusch. Ein Weinen, so leise, dass Giotti erst glaubt, es wäre nur in seinem Kopf – eine Einbildung? Doch das kaum hörbare Wimmern ist hartnäckig. Da begreift John: Irgendwo da unten ist noch Leben! Aufgeregt läuft er zu einem Polizisten mit Funkgerät.
Jim Sheridan hat in diesen Tagen schon so oft die Hoffnung sterben sehen, dass er dem Restaurantbesitzer nur ungläubig folgt. Überlebende am 26. September? 15 Tage nach der Katastrophe? Wer soll 360 Stunden ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne Schutz unter tonnenschweren Trümmern überlebt haben? Unmöglich! Doch dann hört auch er dieses leise klagende Geräusch. „Ich glaube, da unten ist jemand, der noch lebt“, sagt er in sein Funkgerät.
Minuten später sind die Einsatzkräfte da. Fieberhaft, aber vorsichtig werden Trümmerteile beiseite geräumt. Irgendwo da unten muss sich eine Höhle gebildet haben, ein zufälliger Schutzraum des Überlebens. Die Männer müssen aufpassen, dass sie ihn nicht zum Einsturz bringen. Nach drei Stunden ist es geschafft.
Behutsam öffnet Sheridan einen verstaubten, zerbeulten Karton: eine bis auf die Knochen abgemagerte Katze springt ihm in die Arme! Doch das eigentliche Wunder entdeckt Jim erst jetzt: dieser Serviettenkarton ist Zufluchtsort für noch mehr Leben! Drei kleine Katzenkinder blinzeln Jim an, sehen zum ersten Mal das Tageslicht und entdecken, dass es eine Welt jenseits ihres Pappkartons gibt. Da wird allen klar, dass die kleine und mutige Katze inmitten der Katastrophe sogar ihre Babys zur Welt gebracht hatte...
Wie sie es schaffte, dass sie überlebten, ohne Wasser, ohne Futter und ohne Licht – das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.
Diese Katzen sind die letzten Überlebenden von Ground Zero.
Und mehr: Sie sind Beweis dafür, dass man niemals aufgeben sollte.
Neue Kraft durchströmt die erschöpften Retter, die eigentlich Menschen retten wollten, und die dann das Leben fanden.
Als es darum geht, die Findelkinder zu taufen, kommen die Namen direkt aus ihren Herzen: Glow (Glut), Freedom (Freiheit) und Flag (Fahne).
Und als sie überlegen, wie die Mutter heißen soll, sagt einer: „Für sie kann es nur einen Namen geben: Hope.
Denn die Hoffnung darf niemals sterben.

 

Goethe für Katzen

“Zum Fressen geboren, zum Kraulen bestellt,
in Schlummer verloren, gefällt mir die Welt.
Ich schnurr’ auf dem Schoße, ich ruhe im Bett,
in lieblicher Pose, ob schlank oder fett.
So gelte ich allen als göttliches Tier,
sie stammeln und lallen und huldigen mir;
liebkosen mir glücklich Bauch, Öhrchen und Tatz -
ich wählte es wieder, das Leben als Katz!”

 

Die Katze und die Schöpfung

Am ersten Schöpfungstag erschuf Gott die Katze.
Am zweiten Tag erschuf Gott den Menschen, um der Katze zu dienen.
Am dritten Tag erschuf Gott all die Tiere der Erde, um als potentielles Futter für die Katze zu dienen.
Am vierten Tag erschuf Gott die ehrliche Arbeit, damit der Mensch sich für das Wohl der Katze mühen konnte.
Am fünften Tag erschuf Gott den Glitzerball, damit die Katze damit spielen oder es sein lassen konnte.
Am sechsten Tag erschuf Gott die Tiermedizin, um die Katze gesund und den Menschen pleite zu erhalten.
Am siebenten Tag versuchte Gott zu ruhen, aber er mußte das Katzenklo saubermachen...

 

Die Katze - Charles Beaudelaire

In meinem Hirn, als wär's ihr eigner Raum,
Schleicht auf und nieder auf der weichen Tatze
Geschmeidig sanft die schöne, stolze Katze.

Und ihrer Stimme Tun vernimmt man kaum,
So zart und heimlich ist ihr leis Miauen.
Und ob sie zärtlich, ob sie grollend rief,
Stets ist der Klang verhalten, reich und tief
Und Zauber weckend und geheimes Grauen.

Die Stimme, die schwere Perlen sank
In meines Wesens dunkle Gründe nieder,
Erfüllt mich wie der Klang der alten Lieder
Berauscht mich wie ein heisser Liebestrank.

Sie schläfert ein die grausamsten Verbrechen,
Verzückung ruht in ihr.
Kein Wort tut not,
Doch alle Töne stehn ihr zu Gebot
Und alle Sprachen, die die Menschen sprechen.

Auf meiner Seele Saitenspiel liess nie
Ein andrer Bogen so voll Glut und Leben
Die feinsten Saiten schwingen und erbeben,
Kein anderer so königlich wie sie,

Wie deine Stimme,
rätselvolles Wesen,
Seltsame Katze,
engelsgleiches Tier,
Denn alles, Welt und Himmel, ruht in ihr,
Voll Harmonie,
holdselig und erlesen.

 

Die Katze und der Mond

Die Katze streifte weit umher,
Und der Mond drehte sich wie ein Kreisel,
Und die beste Vertraute des Mondes,
Die schleichende Katze, blickte empor.

Die schwarze Minnaloushe starrte an den Mond,
Denn wo sie auch ging und klagte -
Das reine, klare Himmelslicht
Trübte ihr tierisches Blut.

Minnaloushe läuft durch das Gras
Und hebt die zierliche Pfote.
Willst du tanzen, Minnaloushe?

Wenn zwei Vertraute sich begegnen,
Was ist dann besser als ein Tanz?
Vielleicht erlernt der Mond,
Des alten Kreislaufs müde,
Einen neuen Reigenschritt.

Minnaloushe kriecht durch das Gras
Im Mondlicht hin und her;
Der heil'ge Mond dort über ihr
Tritt in eine neue Phase ein.

Weiss Minnaloushe, dass ihre Pupillen
Sich gleichfalls ständig wandeln?
Dass sie vom Halb- zum Vollmond werden
Und wieder vom vollen Mond zum halben?

Minnaloushe schleicht durch das Gras,
Alleine, würdevoll und weise,
Und erhebt zum wandelbaren Mond
Ihre wandelbaren Augen.

 

"An eine Katze" - Algernon Charles Swinburne

Mein edler Freund, ich bitte sehr:
Komm doch her,
Sitz neben mir und schau mich dann
Mit deinen lieben Augen an,
Mit Augen voller Glanz und Gold;
Dein Blick, er ist so treu und hold.

Dein wundervolles weiches Fell,
Schwarz und hell,
So seidig, üppig, voller Pracht,
Wie Wolkenhimmel in der Nacht
Belohnt die Hand, die dich liebkost,
Mit freundlicherem Glück und Trost.

Die Hunde freunden gern sich an
Mit jedermann.
Doch du, von lauterer Natur,
Liebst deine wahren Freunde nur,
Berührst mit deiner Pfote mich -
Ja, Lieber, ich verstehe dich.

Was geht wohl vor in deinem Geist -
Ach, wer weiss?
Wenig nur ist uns bekannt
Trotz unsrem Freundschaftsband.
Vielleicht ist's dem Menschen
nur vergönnt,
Dass er das Leben besser kennt.

 

"Einen Gruss, Mingo!" - Kurt Tucholsky

Einen Gruss, Mingo!
An dich und alles, was schön ist und rätselhaft,
überflüssig und geschwungen, unergründlich und einsam
und ewig getrennt von uns:
also an die Katzen und an das Feuer und das Wasser und an die Frauen.

Mit einem
herzlichen Fellgestreichel und Grüssen an die Herrschaften, die bei dir wohnen.
Dein Peter Panter

 

Die Sphinx

In einer Zimmerecke wacht, schon länger, als ich denken kann,
Die schöne Sphinx und schweigt mich an
im Wechselspiel von Tag und Nacht.

Ganz ungerührt und unbewegt verharrt die finstere Gestalt.
Der Silbermond, der lässt sie kalt, selbst Sonnenschein sie nicht erregt.
Der Himmel rötet sich und bleicht, die Flut des Mondlichts steigt und sinkt.
Der Dämmerung es nicht gelingt und auch der Nacht nicht, dass sie weicht.
Die Zeit verrinnt, Nacht folgt auf Nacht, und immer noch die Katze träumt;
mit sanften Augen, goldgesäumt, hält sie auf ihrem Teppich Wacht.

Sie ruht, ihr Katzenauge starrt, und zu den spitzen Ohren drängt
Das Nackenhaar, mit gelb gesprenkt; das braune Fell ist seidenzart ...
Mein träger Liebling, komm heran, und leg den Kopf mir in den Schoss,
Damit ich dir den Nacken kos' und deinen Samtleib streicheln kann ...

 

"Katze in Pflege" - Robert Gernhardt

Ich rief
deine Katze
Sie kam nicht.

Ich befahl
deiner Katze
Sie gehorchte nicht.

Ich schrie
deine Katze an
Sie wandte sich ab.

Ich lockte
deine Katze
Sie blieb weg.

Erst als ich schwieg
vermochte ich zu hören:
Das Locken deiner Katze
Das Rufen deiner Katze
Das Fordern deiner Katze
Das Schnurren deiner Katze.

Nun habe
ich dir so viel zu erzählen.

 

"Mein Kater Jeoffry" - Christopher Smart

Mein Kater Jeoffry gibt mir zu denken ...
Bei seiner Morgenandacht liebt er die Sonne, und die Sonne liebt ihn.
Denn er ist vom Stamme der Tiger.
Der Cherub Kater ist eine Abart des Engels Tiger.
Er hat die Durchtriebenheit und das Fauchen einer Schlange,
was er indes freundlich unterdrückt.
Denn er will nichts Böses, wenn er wohlgenährt ist,
und er faucht nicht, wenn er nicht gereizt wird.
Vielmehr schnurrt er voll Dankbarkeit, wenn Gott ihm sagt,
dass er ein guter Kater ist.
Er kann die Kinder Güte und Wohlwollen lehren.
Und jedes Haus ist unvollständig ohne ihn
und ermangelt einer geistigen Wohltat.

 

"Von Kopf bis Fuß ein Gentleman" - J. du Bellay

Der Kopf zum schönen Wuchse paßt,
Ein kräft'ger Hals trägt seine Last,
Das Näschen schwarz wie Ebenholz,
Das kleine Schnäuzchen löwenstolz;
Darum herum wächst fein und zart
Sehr vornehm silbern ihm der Bart;
Um es dir kurz zu sagen denn:
Von Kopf bis Fuß ein Gentleman.

 

"Von Katzen" - Theodor Storm

Vergangenen Maitag brachte meine Katze
Zur Welt sechs allerliebste Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß,
mit schwarzen Schwänzchen.

Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!
Die Köchin aber - Köchinnen sind grausam,
Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche-,
Die wollte von den sechsen fünf ertränken;
Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen
Ermorden wollte dies verruchte Weib.
Ich half ihr Heim! Der Himmel segne Mir meine Menschlichkeit!

Die lieben Kätzchen,
Sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem
Erhobnen Schwanzes über Hof und Herd;
Ja, wie die Köchin auch ingrimmig dreinsah,
sie wuchsen auf,
und nachts vor ihrem Fenster
Probierten sie die allerliebsten Stimmchen.
Ich aber, wie ich sie so wachsen sah,
Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit.-

Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen,
Und Maitag ist's!-
Wie soll ich es beschreiben,
Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet!
Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,
Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen!
Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen,
In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen,
Die Alte gar - nein, es ist unsaussprechlich -
liegt in der Köchin jungfraulichem Bette!
Und jede, jede von den sieben Katzen
Hat sieben, denkt euch!, sieben junge Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß, mit schwarzem Schwänzchen.
Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut
Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers;
Ersäufen will sie alle neunundvierzig!
Mir selber, ach, mir läuft der Kopf davon -
O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren?
Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen!?

 

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